Der Wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik (WBW) hat in seinem jüngsten Gutachten die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Zielen der Waldbewirtschaftung analysiert. Angesichts steigender gesellschaftlicher Erwartungen an den Wald, wachsender Unsicherheiten durch den Klimawandel und zunehmender Störungen plädiert der WBW für ein deutlich klareres öffentliches Bewusstsein für bestehende Zielkonflikte sowie für realistische Strategien zu einem Umgang mit diesen.
Der Wald steht unter erheblichem Druck: In der nationalen und europäischen Waldpolitik spielt die Nutzung der erneuerbaren Ressource Holz eine wichtige Rolle, etwa im Rahmen des EU Green Deals, der Holzbauinitiative oder der Bioökonomiestrategie. Gleichzeitig gewinnen andere Funktionen hinsichtlich der Rolle der Wälder in der Klima-, Biodiversitäts- und Gesundheitspolitik immer mehr an Bedeutung.
Die massiven Waldschäden der vergangenen Jahre aufgrund zunehmender Störungen durch Trockenheit, Borkenkäfer und Windwürfe sowie sich verändernde Waldbestände verschärfen bestehende Zielkonflikte. Prognosen der Holzverfügbarkeit haben diese Dynamiken in der Vergangenheit vielfach unterschätzt. Die Folge: Zielkonflikte fallen gravierender aus als bislang angenommen.
Systematische Analyse: 90 Wechselwirkungen zwischen Bewirtschaftungszielen dokumentiert
Das Gutachten klassifiziert 90 Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Waldbewirt-schaftungszielen für unterschiedliche Ökosystemleistungen. Für rund die Hälfte dieser Beziehungen bestehen moderate bis starke Zielkonflikte. Die häufigsten Konflikte entstehen zwischen:
- Holzbereitstellung vs. Biodiversitätsschutz – besonders in alten Wäldern
- Wasserspende vs. Holzbereitstellung und Kohlenstoffspeicherung im Wald
- Windkraft im Wald vs. Biodiversitätsschutz
Gleichzeitig werden bedeutende Synergien identifiziert, etwa zwischen Kohlenstoffspeicherung und wasserbezogenen Ökosystemleistungen oder zwischen Biodiversitätsschutz und Wasserhaushalt.
Räumliche und zeitliche Dimensionen sind entscheidend
Das Gutachten zeigt, dass Zielkonflikte je nach Betrachtungsebene unterschiedlich ausfallen. Während auf der Ebene einzelner Waldbestände Kompromisse häufig schwierig sind, eröffnen größere räumliche Einheiten oder Landschaftsebenen mit diversifizierten Portfolios von Waldbeständen deutlich mehr Spielräume für das gleichzeitige Erreichen verschiedener Ziele. Auch zeitliche Aspekte – etwa beim Waldumbau – beeinflussen, ob kurzfristigen Nachteilen langfristige Vorteile gegenüberstehen. Zum Beispiel kann es im Rahmen des Waldumbaus kurzfristig zu einer höheren Holzbereitstellung kommen, langfristig jedoch kann der Waldumbau auch zu weniger Holzbereitstellung führen.
Diese räumliche und zeitliche Handlungsspielraum-Flexibilität ist zentral für eine realistische Waldpolitik: Zielkonflikte, die auf lokaler Ebene in Konflikt stehen, können auf Landschaftsebene eher harmonisiert werden.
Empfehlungen für einen zukünftigen Umgang mit Zielkonflikten
Der WBW spricht sich für folgende Maßnahmen aus:
1. Zielkonflikte transparent benennen: Zielkonflikte sollten künftig klarer benannt werden. Im öffentlichen Wald sollten verschiedene Akteursgruppen frühzeitig in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.
2. Transparente Zielgewichtung: Politische und betriebliche Entscheidungen sollten auf transparente Zielgewichtungen gestützt sein. Solche Gewichtungen ermöglichen gute Kompromisse zwischen konkurrierenden Zielen.
3. Breite Diversifizierung: Eine landschaftsweite Diversifizierung der Waldstrukturen und Bewirtschaftungsansätze ist notwendig, um auf zukünftige Unsicherheiten besser reagieren zu können.
4. Perspektivische Weiterentwicklung: Überlegungen zu regionalen Schwerpunktsetzungen bei den Bewirtschaftungszielen, zur Weiterentwicklung der Waldfunktionskartierung und zur Präzisierung waldpolitischer Prioritäten sollten wichtige Bestandteile der zukunftsfähigen Waldstrategie sein.
Das vollständige Gutachten ist unter folgendem Link frei downloadbar: https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ministerium/Beiraete/waldpolitik/multifunktionale-waldbewirtschaftung.html
Zum WBW:
Der WBW berät und unterstützt die Bundesregierung bei der Gestaltung der Rahmen-bedingungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder. Der Beirat ist mit Vertretern verschiedener wissenschaftlicher Fachdisziplinen besetzt, die die gesellschaftlichen Anforder-ungen an den Wald widerspiegeln. Der Beirat prüft die Ziele und Grundsätze der nationalen und internationalen Waldpolitik. Er unterbreitet Vorschläge für die Weiterentwicklung der waldpolitischen Rahmenbedingungen und der Instrumente zur Umsetzung der Waldstrategie. Darüber hinaus bemüht er sich um einen Ausgleich zwischen den verschiedenen gesell-schaftlichen Ansprüchen an den Wald und fördert den wissenschaftlichen Diskurs über eine nachhaltige, multifunktionale Bewirtschaftung der Wälder. Ferner werden von ihm Zustände diskutiert und bewertet, Impulse bei Veränderungsbedarf gegeben und Initiativen aus unter-schiedlichen Wissenschafts- und Gesellschaftsbereichen aufgegriffen. Die Politik berät er durch Statusberichte und Empfehlungen.
Kontakt:
Stefan Sorge – Universität Freiburg – stefan.sorge@waldbau.uni-freiburg.de
Pressemitteilung: Wissenschaftlicher Beirat für Waldpolitik beim Bundesministerium für Landwirtschaft Ernährung und Heimat






