Wuchshüllen im Wald – gelobt und verspottet

08. November 2018

Nach Orkantief Kyrill auch im Freistaat oft auf Kahlflächen eingesetzt: Wuchshüllen zum Schutz von Jungpflanzen, hier im Thüringer Forstamt Finsterbergen. Foto: Dr. Horst Sproßmann

Erfurt (hs): Kaum einer, der die seltsamen Kunststoffröhren auf Aufforstungsflächen in Thüringens Wäldern noch nicht gesehen hat: Wuchshüllen. Allein ThüringenForst hat nach dem Orkantief Kyrill 2007 in zehn Jahren über 170.000 Wuchshüllen im Staatswald ausgebracht. Das 1979 in England erfundene Hilfsmittel bei der Pflanzung, ein um das Bäumchen geschlungenes graugrünes Kunststoffrohr, schützt vor Mäusefraß, Wildverbiss und Frösten, zugleich wächst der junge Waldbaum überdurchschnittlich schnell in die Höhe. Des Waldbauern Freud, des Waldästheten Leid: Als Waldfriedhöfe verspottet, machten viele Waldwanderer und Naturfreunde ihrem Entsetzen Luft. Nach zehn Jahren Erfahrungen wagen die Grünröcke von ThüringenForst eine Bewertung, die genauso zwiespältig ist wie die waldästhetische Diskussion.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern geringe Verbreitung im Freistaat
„Während im Staatswald Baden-Württembergs heute immer noch jährlich rund 200.000 Wuchshüllen ausgebracht werden, hat der Boom in Thüringen schon 2009 seinen Höhepunkt erreicht, um sich dann auf ein geringes Jahresniveau einzupendeln“, so Volker Gebhardt, ThüringenForst-Vorstand. Zwischen 5.000 bis 10.000 der Kunststoffrohre werden im Staatswald jährlich verwendet. Was Gebhardt durchaus beruhigt. Nach Thüringer Abfallrecht sind die etwa 120 cm langen Wuchshüllen vollständig zu entsorgen oder der Verwertung zuzuführen. Ein Verbleib im Wald ist nicht möglich. Zwar zersetzt sich das Kunststoffrohr laut Hersteller innerhalb etwa zehn Jahren, allerdings würde Mikro- und Nanoplastik im Waldboden verbleiben. Die Forstpraktiker haben neben einigen Vorteilen der Wuchshülle wie dem Schutz vor Mäusefraß, Wildverbiss und Frösten, erfahrungsgestützte Nachteile erkannt. Spindeldürre und damit instabile Pflanzen, die nach Zerfall der Wuchshülle bei stärkerem Wind, spätestens bei Schneeauflage umbiegen und sogar brechen. An Südhängen sind nicht wenige Bäumchen in den Wuchshüllen vertrocknet – das Mikroklima in der Hülle war zu heiß. Überraschend auch:  Die Wurzelentwicklung der Bäumchen bleibt zurück. Zwar sind diese Nachteile baumartenspezifisch, gleichwohl sind Wuchshüllen aus heutiger Sicht alles andere als ein „Sorglos-Paket“ für Förster und Waldbesitzer.

Zaun oder Wuchshülle – am liebsten Verzicht auf beides
„Sowohl der Bau von Zäunen wie auch die Verwendung von Wuchshüllen sind häufig Erfordernisse nicht angepasster Wildbestände im Ökosystem Wald“, so Gebhardt. Das Augenmerk des Waldbesitzers muss deshalb auf die Senkung überhöhter Rot- und Rehwildbestände ausgerichtet sein. Der Einsatz von Wuchshüllen ist auf jene Bereiche zu beschränken, in denen die engagierte Jagdausübung erschwert ist, etwa in der Nähe von Ortschaften oder Straßen. Gebhardt verweist aber noch auf einen anderen Fakt: Seit 16. Januar 2018 verfügt die EU erstmals über eine „Europäische Plastikstrategie“. Diese sieht die langfristige Reduzierung von Kunststoffen vor, zumindest eine Wiederverwertung und das Recycling. Hintergrund sind die Sorgen um die Vermüllung der Weltmeere mit Kunststoffprodukten. Und da baut Gebhardt auf den einzigen, nachhaltig und naturnah hergestellten Roh-, Bau- und Werkstoff vor der eigenen Haustüre: Holz. Und warum sollte eine Wuchshülle nicht alsbald aus einem holzzellulosebasiertem Werkstoff hergestellt werden können?

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