Waldnaturschutz

Der Buchen-Nationalpark Hainich. Foto: F. Bombosch

Bis zu 10.000 Tier- und Pflanzenarten – davon allein 72 Baumarten – bevölkern den heimischen Wald und bilden eine komplexe Lebensgemeinschaft. Dabei beherbergt schon ein Löffel Waldboden mehr Organismen, als Menschen auf der Erde leben.

Über 90 Prozent der deutschen Wälder stehen unter Schutz oder erfüllen wichtige Schutzfunktionen. Darunter befinden sich Gebiete nach Naturschutzrecht wie Nationalparks und Naturschutzgebiete sowie Areale nach Forstrecht wie Wasser- und Bodenschutzwälder. Hinzu kommen Gebiete, die nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) ausgewiesen sind. Diese ist Teil des Schutzkonzepts „Natura 2000“. Die deutschen FFH-Gebiete überlappen sich mit Schutzgebieten nach Naturschutz- und Forstrecht. Insgesamt machen sie bundesweit zehn Prozent der Landesfläche aus. Der Waldanteil daran beträgt ca. 60 Prozent.

Während die Waldbewirtschaftung in Landschaftsschutzgebieten kaum eingeschränkt ist, haben Naturschutzziele in anderen Gebieten Vorrangfunktion. In Nationalparken oder Naturschutzgebieten haben sich alle anderen Nutzungen dem Schutzzweck unterzuordnen, es ergeben sich große Bewirtschaftungseinschränkungen.

Der Anteil der komplett von der Nutzung ausgenommenen Wälder soll laut der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ bis zum Jahr 2020 fünf Prozent der Waldfläche betragen. Hierzu hat ein Forschungsverbund unter Koordination der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN)  im Oktober 2013 die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Natürliche Waldentwicklung als Ziel der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ (NWE5) vorgestellt. Knapp 330.000 ha (3% der Gesamtwaldfläche von 11 Millionen ha) werden bereits heute oder mittelfristig nicht genutzt und dauerhaft ihrer natürlichen Waldentwicklung überlassen. Entwicklungszonen von Nationalparks oder anderen Schutzgebieten, deren Pflege über die jeweiligen Stichjahre 2013 bzw. 2020 hinausgeht, haben hier trotz ihrer perspektivischen Nichtnutzung bisher keinen Eingang in die Bilanz. Nicht einberechnet wurden u.a. auch Flächen, die aus arten- oder naturschutzfachlichen Gründen gepflegt werden, beispielsweise zum Erhalt historischer Waldformen (Hutewälder, Mittelwälder etc.) oder zur Biotoperhaltung für Tierarten wie Auerhahn und Biber.

Für den Landschaftsraum Wald bestätigt der Indikatorenbericht der Bundesregierung zur „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ der Forstwirtschaft gute Werte. Demnach fördert die moderne Waldbewirtschaftung die biologische Vielfalt und verbessert deren Status. Die heimischen Wälder haben mit 81 Prozent des erreichbaren Höchstwertes den besten Teilindikatorwert aller Flächennutzungen erreicht. Die Förderung naturnaher Waldbewirtschaftung durch Bund und Länder und die hohe Eigenverantwortung der Waldbesitzer zeigen hier deutliche Erfolge. Die oben erwähnte Studie belegt, dass in den ihrer natürlichen Waldentwicklung überlassenen Flächen auch Wälder mit guten und sehr guten Produktionsbedingungen enthalten sind, wo Forstbetriebe über lange Zeiträume freiwillig auf Holzerträge verzichten.

 

Totholz sorgt für große Artenvielfalt. Foto: F. Bombosch

Totholz für mehr biologische Vielfalt
Totholz gehört zum natürlichen Kreislauf im Wald. Es entsteht, wenn Bäume absterben und sich ihr Holz zersetzt. Viele, insbesondere seltene Arten sind auf diesen Lebensraum spezialisiert. Pilze, Flechten, Insekten und Vögel leben vom oder am Totholz und finden hier Nahrung, Unterschlupf und Brutgelegenheit. Totholz ist somit ein wichtiger Faktor für die biologische Vielfalt.

Im deutschen Wald gibt es durchschnittlich 20,6 m3 Totholz pro Hektar, insgesamt 224 Mio. m³. Damit hat der Totholzvorrat 6 % des lebenden Holzvorrates erreicht. Fast die Hälfte (49 %) ist liegendes Totholz, 23 % sind stehendes Totholz und 28 % sind Wurzelstöcke. Das sind 18 % mehr totes Holz als vor 10 Jahren. Die Zunahme
ist bei stehenden Bruchstücken von Nadelbäumen besonders groß. 

Totholz verrottet. Es braucht eine stete  Nachlieferung, um Totholz für die auf Totholz spezialisierten Arten zu erhalten. Früher wurde das meiste Totholz entnommen und für die Versorgung der Bevölkerung mit Brennholz genutzt. Heute strebt die nachhaltige Waldbewirtschaftung einen angemessenen Totholzanteil zum Schutz der biologischen Vielfalt aktiv an. Quelle: BMEL (2014): Der Wald in Deutschland (BWI3)

 

Historische Waldnutzungsformen für mehr Vielfalt
Eine Besonderheit der Bemühungen der multifunktionalen Forstwirtschaft um die Biodiversität sind die historischen Waldnutzungsformen wie Mittel-, Nieder- oder Hutewälder. Durch deren Art der Bewirtschaftung wurden spezielle Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten geschaffen. Indem bestimmte Waldareale nach diesen historischen Bewirtschaftungsarten behandelt werden, erweitert die Forstwirtschaft das Artenspektrum und erhält ein hohes Naturschutzpotenzial.

Mehr zum Thema: Podcast der Niedersächsischen Landesforsten zum Thema Naturschutz im Wald (#2)

Invasive Pflanzen im Wald – derzeit von geringer Bedeutung
Die Bundeswaldinventur 3 hat erstmals einige eingeschleppte krautige Pflanzenarten, die möglicherweise invasiv auftreten könnten, erfasst. Nur das aus Asien stammende Kleinblütige Springkraut (Impatiens parviflora) wurde in nennenswertem Umfang festgestellt. Es ist auf 3 % der Waldfläche mit mindestens 10 % Deckungsgrad vorhanden. Am häufigsten ist die Art in Mecklenburg-Vorpommern. Dort tritt sie auf knapp 9 % der Waldfläche auf. Während invasive krautige Pflanzenarten im Wald flächenmäßig ohne Bedeutung sind, ist eine invasive Gehölzart erwähnenswert: Die Spätblühende Traubenkirsche (Prunus serotina). Sie nimmt in der Jungbestockung rund 104.000 Hektar ein. Sie kann die Verjüngung heimischer Waldbaumarten behindern. Sie selbst ist aber in der Wuchskraft unseren Waldbäumen unterlegen und verharrt im Unterstand: Nur auf knapp 11.000 Hektar bildet sie den Hauptbestand, das ist ca. 0,1 % der gesamten Waldfläche. (Quelle: BMEL, 2014: Der Wald in Deutschland)